Romantik: Robert Schumann - Kinderszenen (op.15)
Mit 7 Jahren fing ich an Klavier zu lernen. Ich war bis dahin weitestgehend unbefangen von irgendwelchen musikalischen Einflüssen. Zwar pflegte mein großer Bruder damals, Neue Deutsche Welle, Punk und andere Popmusik zu hören, aber ich kann nicht sagen, dass mich das großartig beeindruckt hat. Zwar fand ich z.B. Nena und Geier Sturzflug damals irgendwie toll, und ich wurde bei manchen Clips hellhörig, wenn mein Bruder im Wohnzimmer Formel 1 anhatte, aber ich kann mich nicht entsinnen, dass mich diese Musik über das reine Hörerlebnis hinaus noch weiter beschäftigt hätte. Meine Eltern hörten selten Radio oder legten mal eine Schallplatte auf.
Aber ich fing dafür an, ihr Schallplattenregal zu durchstöbern. Dort fand sich eigentlich eine reichhaltige Auswahl zwischen Klassik, Schlager, Oper und aktueller Discomusik. Darunter waren durchaus Scheiben, die Laune machten und die ich mehrfach auflegte, so wie z.B. Peter Alexander oder Harry Belafonte. Eine Platte jedoch musste ich immer und immer wieder auflegen: Peter und der Wolf. Aber es war - zumindest nach einiger Zeit - nicht mehr die A-Seite mit dieser stimmungsvollen Kinderoper von Prokoffief, die sich meine besondere Aufmerksamkeit verdiente, sondern die B-Seite, auf der sich thematisch völlig losgelöst 13 kurze Klavierstücke befanden. Es waren die Kinderszenen von Robert Schumann. Jedes Stück hatte seinen eigenen Charakter wie verträumt, bewegend, energisch, verspielt, gewitzt, nachdenklich, ernst oder ruhig. Außerdem gab es immer einen Titel, unter dem man sich sogar etwas vorstellen konnte, wie Am Kamin, Ritter vom Steckenpferd oder Fürchtenmachen. Meine Mutter hatte die Klaviernoten dazu und konnte das ein oder andere Stück spielen, was mich als Klavieranfänger sehr beeindruckt hat. Auch ich fing später an, einige dieser Stücke zu lernen (und versuche es teilweise heute noch). Jedenfalls begleitete mich dieses Album immer wieder in Gedanken, kleine Filme spielten sich vor meinem Auge ab und ich konnte die Atmosphäre jedes Stückes wahrnehmen. Es war für mich das erste Mal, dass ich bewusst Musik auflegte um zu genießen und zu träumen.
Später lernte ich, dass ich in die romantische Phase der klassischen Musik eingetaucht war. Schumann war einer ihrer bekanntesten Vertreter, der sie zwar nicht erfunden, aber auf seine Weise perfektioniert hat. Es war nicht einfach Komponieren wie bei Bach oder Mozart, sondern er verstand es, Träume oder Phantasien regelrecht einzufangen und in Noten zu konservieren. Die Kinderszenen waren nun in dieser Hinsicht noch kein besonders intensives Werk. Die Stücke waren klar strukturiert, man konnte wie auch bei heutiger Popmusik sich wiederholende Strophen, leichte Variationen und Zwischenteile erkennen. Somit war die Musik auch für ungeübte Hörer greifbar. Die Themen waren aber jeweils sehr markant und mit vielen Details ausgeschmückt. Somit waren sie stilistisch zwar ähnlich, aber jedes hatte seine individuelle unverwechselbare Aura.
Später bin ich dann auf andere Klavierwerke von Smetana, Grieg oder Tschaikowsky aufmerksam geworden, mit denen ich das Interesse an romantischer Musik weiterverfolgt habe. Ebenso entdeckte ich einige orchestrale Werke, die ich heute noch immer wieder gerne auflege, wie Tschaikowskys Nussknacker, Mendelssohns Sommernachtstraum oder Bruchs Schottische Phantasie, deren Probe und Aufführung ich im Rahmen eines Chorkonzerts sogar selbst miterleben durfte.